Gedanken zum Naturschutz

Freiwilligendienst in Indien

 

                                                                                               26. August 2010

Der Kreis schliesst sich

Der Moment, nach dem ich mich oft sehnte, der mir gleichzeitig aber auch immer noch ein wenig Angst bereitet, ist nur noch wenige Tage entfernt. So heisst es Abschied nehmen, Abschied nehmen von meiner indischen Familie, die mich so wundervoll aufnahm, von Anfang als ein Teil der Familie begruesste, deren Freuden und Sorgen ich teilte; Abschied nehmen von der Arbeit, von meinen Arbeitskollegen mit denen mich laengst Freundschaft verbindet, Abschied nehmen von Kannada Kudru, der kleinen Insel umgeben von wunderschoenen Mangrovenwaeldern, Abschied nehmen von den Meeresschildkroeten, diesen wundervollen, faszinierenden Tieren, in der Hoffnung, dass sie auch in den kommenden Jahrzehneten hierher zum nesten kommen.
Der Abschied von Kundapur faellt schwer. Dieser Ort, in dem ich mich anfangs so verloren fuehlte, der mir oft zu klein und konservativ vorkam, in den ich nach jeder Reise jedoch gerne zurueck kehrte, ins Vertraute, der Ort, der mein zu Hause wurde. Und schliesslich muss ich mich von Indien verabschieden, dieses Land, dass zu lieben ich lernte mit all dem Schoenen und Grausamen, mit dem Lauten und Ueberfuellten, mit der Vielfalt an Farben und Geruechen, mit den vielen Menschen, deren Leben und Kultur ich immer mehr zu verstehen lernte. Ich bin dankbar fuer die Moeglichkeit, die mir dieses Jahr eroeffnete, fuer all das, was ich ueber das Leben und ueber mich lernte, fuer all die Erfahrungen, fuer die wundervollen Begegnungen, fuer die Menschen, die mich unterstuetzten, mit denen ich trotz der Entfernung ihr und mein Leben teilen konnte.
Nun schliesst sich der Kreis, ich kehre zurueck, zurueck zu Familie und Freunde, zurueck nach Berlin und Goettingen, dem Studium und StudentInnenleben, zum Bekannten, dass jetzt doch anders ist und die Frage taucht auf, was sich in mir veraendert hat. So ist es statt eines Kreises vielleicht eher eine Spirale, ich kehre zurueck zum gleichen Punkt, der aber doch nicht der selbe ist. Auf ganz bald ihr Lieben, ich freue mich aufs Wiedersehen!





                                                                                                     10. August 2010

Eingefangene Augenblicke



Regen gegen Sonne in den Strassen Kolkattas




Ort der Anbetung




Den Regenschauer erfolgreich ausnutzend




Die Welt von unterm Regenschirm erlebt




Stoffstuecke als Symbol fuer Wuensche am heiligen Baum




Kaeuflich Erwerbbares, um die Goettin fuer sich zu gewinnen




Oellampe als Verkoerperung der Mutter Goettin und die Blueten als symbolische Opfergabe


                                                                                                     25. Juni 2010

Durch den Monsun

Das Jahr hier in Indien neigt sich immer spuerbarer dem Ende zu und umso mehr meine Gedanken Richtung Deutschland wandern, desto staerker wird auch das Beduerfnis die letzten Wochen hier intensiv zu erleben. Vor zwei Wochen begann der Monsunregen und damit wurden die Tage nicht nur angenehm kuehl, sondern auch dunkler, der Himmel grau und immer Wolken verhangen, Menschen verstecken sich unter schwarzen Regenschirmen und mit der hohen Luftfeuchtigkeit kehrt auch der Schimmel zurueck ins Zimmer, in die Kleidung, ins Kissen, so dass manch lieb gewonnenes “Ding” in den Muell wandert.
So kommt des oefteren melancholische Stimmung auf, aber damit auch die Moeglichkeit zu reflektieren, das Erfahrene, Gelernte einzuordnen. Welche Rolle werden all die Erlebnisse in meinem Leben in Deutschland spielen?
Durch den starken Dauerregen wird die Arbeit ausserhalb des Bueros sehr schwierig, denn jetzt zur Insel Kannada Kudru mit dem Mini-Holzboot zu kommen ist ein feuchtes Unterfangen. Bei der letzten Bootstour waeren wir beinahe gekentert, so dass wir diese jetzt auch nicht mehr anbieten koennen. Dadurch wird uns noch viel deutlicher bewusst, wie schwer das Leben fuer die Menschen auf der Insel ist, denn sie sind auf diese Faehre angewiesen, um Nahrungsmittel zu kaufen, zu arbeiten, zur Schule zu gehen.
Viel zum Nachdenken hat mich auch die Heirat meiner Projektleiterin Deepa veranlasst. Es ist eine Sache ueber “Zwangsheirat” zu lesen oder darueber unter StudentInnen bei einem Glas Wein zu diskutieren, aber dann direkt mitzuerleben, wie meine 21 jaehrige Kollegin und mittlerweile Freundin an einen Mann verheiratet wird, mit dem sie nur zwei mal vorher gesprochen hat, ist etwas ganz anderes, etwas sehr reales. Mit der Hochzeit ist sie nicht nur Teil einer ganz anderen Familie geworden und hat ihre eigene verlassen, sondern hat sich auch dem neuen Mann und den Schwiegereltern unter zu ordnen, ist abhaengig davon, was sie ihr erlauben, welche Freiheiten sie bekommt. Sie darf weiterarbeiten, was nicht selbstverstaendlich ist, aber die Frage ist wie lange noch, denn dass das erste Kind neun Monate nach der Hochzeit kommt ist eher die Regel als die Aussnahme, sonst wird schnell ueber die Unfruchtbarkeit der Frau spekuliert und schliesslich ist der Mann auch schon 34. Sich vorzustellen, was sie gerade durchmacht ist oft schmerzvoll und was in ihr vorgeht laesst sich nur erahnen.
Doch das Bild ist nicht nur schwarz und weiss. An ihrem Geburtstag vor ein paar Tagen rief meine Gastmutter: ”Ich danke dir (Gott) fuer meinen wundervollen Mann!” , auch sie ist zwangsverheiratet, doch ich wuerde sie nicht als “ungluecklich verheiratet” beschreiben, ist ihre Ehe doch von mehr Respekt, Vertrauen und Fuersorglichkeit gekennzeichnet als viele “Liebesehen” in Deutschland. Auch hier in Indien werden “Liebesheiraten” immer haeufiger, werden Religions- und Kastenschranken ueberschritten, koennen Frauen Maenner ablehnen. Es stellen sich Fragen, die ich fuer mich nicht beantwortet kann, ueberall gibt es Ausnahmen, Gegenbeispiele, gegensaetzliche Erfahrungen. Es stellt sich ein Gefuehl ein, dass alles komplizierter ist, das Bewusstsein, dass es auch in Deutschland gesellschaftliche Zwaenge, Erwartungen gibt, die zwar ganz andere sind, oft viel subtiler, hinter Haustueren versteckt, aber sie sind trotzdem sehr real. Wir wurden anders sozialisiert, empfinden manche Dinge als schlimm, anderes als selbsverstaendlich, hinterfragen vieles nicht. Aber wer wagt zu entscheiden, ob die Menschen in Indien generell “ungluecklicher”, “unfreier” sind als die Menschen in Deutschland?

       Hochzeitsvorbereitungen


          Deepa im Hochzeitssaree




                                                   12. Mai 2010

                                             
Eintauchen in andere Welten

Als ich am morgen das Haus verliess, hatte ich das Gefuehl in einer anderen Welt zu sein, kleine blaue Haueser mit weissen Rahmen saeumten die Strasse, grosse beflanzte Blumentoepfe vor den Hauseingaengen, an jeder Ecke eine kleine Kirche. Zum Fruehstueck gab es keine Idlies, sondern Kaffee und Brot mit Kaese. Ende April nahm ich mit den Kollegen von meinem Projekt an der Internationalen Meeresschildkroeten Konferenz in Goa teil. Dieser Bundesstaat war bis in die 60iger Jahre eine portugiesische Kolonie und versprueht immer noch einen gewissen Charme, der mich an Mittelmeerurlaube erinnert. Aber neben der Umgebung, war vor allem das Symposium an sich unglaublich spannend und gab mir die Moeglichkeit einen kleinen Einblick in die “Wissenschaftswelt” zu erlangen. Wir sassen stundenlang in klimatisierten Raeumen und hoerten Vortraege ueber die Biologie von Meeresschildkroeten, ihre Bedeutung im marinen Oekosystem, wie mensch diese Lebewesen und ihren Lebensraum schuetzen kann. Da gab es Workshops ueber stabile Isotope und Statistik fuer Oekologen, Posterpraesentationen ueber neueste Forschungsergebnisse, Diskussionsrunden zum Thema alternative Einkommensmoeglichkeiten fuer Fischer, die von Fischfangverbotszonen oder -zeiten betroffen sind.
Spannend war auch zu beobachten, wie sich die Athmosphaere des Symposiums langsam veraenderte. Waehrend es in den Tagen vor dem eigentlichen Symposium irgendwie “indisch” war, mit dem ueblichen suessen Milch-Chai in Metallbechern, Ellbogeneinsatz beim Gedraengel an der Essensausgabe, Frauen waren in der absoluten Minderheit, wandelte sich das Bild als zunehmend TeilnehmerInnen aus anderen Laendern eintrafen. Diese Internationalisierung drueckte sich in vielen Kleinigkeiten aus, das Organisationsteam der Konferenz stellte schwarzen Kaffee und Tee in weissen Porzellantassen samt Untertasse zur Verfuegung, ich hoerte English in allen denkbaren Akzenten, der Frauenanteil stieg auf mindestens die Haelfte, an der Essensausgbe bildet sich eine Schlange, man sah Sommerkleidchen und Wissenschaftler in bunten Bermuda-Shorts. Ich habe dieses internationale Flair, die Gespraeche mit Menschen aus verschiedensten Laendern und Arbeitsgebieten, diese Denk- und Argumentationsweise, die so typisch in den naturwissenschaftlichen Disziplienen ist, sehr genossen.



Die Konferenz liess mich oft an mein Studium denken, Themen wie Bachelorarbeit gewannen ploetzlich an Bedeutung aber auch grundlegende Fragen beschaeftigten mich (und tun es immer noch), so zum Beispiel, ob ich mir vorstellen kann als PhD Studentin irgendwo am “Ende der Welt” zwei Jahre lang ueber die Wirkung von Schildkroeten auf die Meeresgrasvegetation zu forschen. Der mich bewegenste Vortrag wurde von einem charismatischen Wissenschaftler aus Amerika, Jack Freizier, gehalten: Warum schuetzen wir Arten? Wie viele Schildkroeten sind genug auf der Welt? So viele wie vor 1000 Jahren oder wie vor 100 Jahren? Welche Massstaebe setzen wir an, wenn sich doch immer alles veraendert, Populationen, Oekosysteme, Umweltfaktoren? Sind wir Teil einer Umweltschutzindustrie? Forschen wir einfach nur des Forschenswillen?
Die groesste Ueberraschung erlebte ich, als beim Mittelmeer-Treffen in dem Raum auch zwei Menschen sassen, mit denen ich zusammen in Griechenland gearbeitet habe. Das wir uns in Indien wiedertreffen wuerden hatte keiner von uns erwartet und so war es unglaublich toll sich ueber Vergangenes und Aktuelles auszutauschen.
Zurueck in Kundapur tat sich mir dann wieder eine ganz neue Welt auf, denn ich begann mit der Arbeit im Oekotourismus Projekt und bin dadurch nun regelmaessig auf “Kannada Kudru”. Diese kleine Insel liegt in den “Bachwaters” von Kundapur, ist umgeben von Mangrovenwaeldern und nur mit der Faehre zu erreichen. Letzteres ist ein kleines Holzboot mit sieben Sitzplaetzen, welches aber zumindest in der Trockenzeit auch bei 14 Menschen noch nicht sinkt. Als Teil des Projektes organisieren wir Ausfluege fuer Touristen hierher, mit selbstgekochtem Essen bei den Familien und Bootstouren entlang der Mangroven, aber wir versuchen auch andere alternative Einkommensmoeglichkeiten fuer die Bewohner zu schaffen.



So habe ich zum ersten Mal bei einer Familie, die am Bienenhaltungsprojekt mit macht, ein Stueck Bienenwabe mit dem Honig darin gegessen. Letzte Woche haben wir auch Mitarbeitern vom oertlichen Landwirtschaftsbuero die Insel gezeigt, so dass sie Boden- und Wasserproben nehmen konnten, um dann den Familien zu zeigen, welche Pflanzen auf diesem uebersaeuerten und regelmaessig vom Brackwasser ueberfluteten Boden am Besten wachsen. Ich bin sehr gespannt auf die Arbeit in den kommenden Monaten und freue mich darauf mich mit einem ganz anderen Thema, anderen Problemen und Loesungsansaetzen beschaeftigen zu koennen.




                                                                      9. April 2010

Auf Reisen

Nun bin ich wieder zurueck in Kundapur, nachdem ich die letzten fuenf Wochen zusammen mit dem mich besuchenden Matthias durch Indien gereist bin. Es ist sehr schwer das Erlebte in Worte zu fassen, war es doch so vielfaeltig, gegensaetzlich und das Schoene, das Einzigartige lag in den kleinen Augenblicken, in einem Gefuehl, in einer Stimmung. Ich habe durch diese Reise viele neue Facetten Indiens kennen gelernt: die ungebremste Ausgelassenheit der Menschen an Holi, dem Farbfestival, an dem wir weder vor Wasserbomben noch vor dem Farbpulver sicher waren; Rickshawfahrer, die uns bei der Ankunft in jeder neuen Stadt sofort als wehrlose Touristenopfer identifizierten und versuchten gegen Kommission uns im Hotel ihrer Wahl unterbringen zu koennen; die Einzigartigkeit der einzelnen Regionen, die sich ihre Traditionen bewahrt haben, so dass sich wo immer wir aus dem Zug stiegen die Menschen sich anders kleideten, in einer verschiedenen Sprache redeten, anderes assen. Wir sind vielen interessanten Menschen begegnet, einem nackten Sadhu an den Ghats am Ganges, oder auch einem, voll behangen mit ueber 400 Ketten, dazu Rock, Strumpfhose und Stoeckelschuhe, einer Schweizerin, die in der Wueste das Kamelreiten lernte, Maenner mit den buntesten Turbanen. Spannend war die Reise aber vor allem auch durch die vielen Dinge, die wir erlebten. Wir verliefen uns im Bazar von Agra, schliefen nachts um drei auf dem Steinfussboden im Warteraum des Bahnhofes, fuhren auf dem Dach eines Buses, probierten fleissig die lokalen Koestlichkeiten an den kleinen Strassenstaenden, schliefen eine Nacht in der Wueste, lauschten der Rezitation der Sikh-Sutren bei einzigartiger Athmosphaere im Goldenen Tempel, sind suechtig nach dem uebersuessten Chai geworden, ...
Vieles mehr erwacht in meiner Erinnerung, wenn ich an die zurueckliegenden Wochen denke, aber da ich all dies nicht in Worte fassen kann, sollen viele Fotos als Ersatz dienen.



Der Taj Mahal, das wohl bekannteste Wahrzeichen Indiens.



So sahen die Strassen am Farbfestival Holi aus.



Als wir in der Wueste uebernachteten, bereitete der Kameltreiber das Essen zu.



Der Blick vom Dach des Busses als wir nach Jaisalmer fuhren.



Ein Affe schaut uns an in den Waeldern rund um Dharamsala.



Blick ins Tal von McLeod Ganj mit vielen tibetischen Gebetsfahnen im Vordergrund.



Die Strassen von McLeod Ganj: tibetische Moenche, Tempel, Hotels und Touristenshops.



Einfach nur suess.




Panzer in der Wueste Rajasthans. Hier testet Indien seine Atombomben und wegen der Naehe zum Nachbar Pakistan gibt es hier immer eine hohe Militaerpraesenz. Dieses Foto habe ich aus dem Zug aufgenommen.



Der Goldene Tempel der Sikh in Amritsar mit einem Sikh im Vordergrund.



Sonnenuntergang ueber dem See von Udaipur.



Die Ghats von Varanasi beim Sonnenaufgang.



Der Markt von Mysore, voller Gewuerze, Oele, Obst, Gemuese, Raeucherstaebchen und Farbpulver.


So und ganz zum Schluss .... es hat geregnet! Zum ersten Mal seit Monaten prasselten Regentropfen auf den ausgedoerrten Boden Kundapurs. Wir sind alle lachend rausgerannt, haben im Regen getanzt, den wundervollen Geruch frischer Luft genossen und den ganzen restlichen Tag uns an den kuehleren Temperatur erfreut. Dies ist aber noch nicht der Beginn des Monsuns, der laesst noch zwei Monate auf sich warten, aber wenn wir Glueck haben, duerfen wir noch ab und zu mal solche wundervollen Schauer geniessen.




                                                                                     18. Februar 2010

Erwarte das Unerwartete II

Mit jedem vergehenden Tag naehert sich mein Aufenthalt hier in Indien der Halbzeit, eine Vorstellung, die mir sehr unwirklich erscheint, fuehlen sich doch die vergangenen Monate in manchen Augenblicken so lang und in anderen so kurz an. Dies bedeutet auch, dass sich das Meeresschildkroetenprojekt langsam seinem Ende zuneigt und wir gerade dabei sind, die Berichte zu schreiben. So wird mir immer oefter bewusst mit welchen Erwartungen ich hier ankam, wie komplex und aufwendig alles anfangs erschien und dass sich die Realitaet jetzt hingegen auf 14 Seiten zusammenfassen laesst. Die Gedanken wandern weiter zur Ankunft der neuen Freiwilligen in einem halben Jahr und Empfehlungen werden zu Papier gebracht, sodass ihnen die Weiterarbeit im Projekt erleichtert wird. Trotzdem schwebt immer noch die Idee im Raume, dass ich vielleicht auch ueber den Februar hinaus bis zu der internationalen Meeresschildkroetenkonferenz im April weiter im Projekt arbeite und erst danach zum Oekotourismusprojekt wechsel. Aber die Entscheidung von hoeherer Stelle laesst noch auf sich warten.
Doch nur weil wir uns auf ein baldiges Ende vorbereiten, heisst das natuerlich nicht, dass die Schildkroeten das genauso sehen, denn obwohl die Nestsaison seit Dezember beendet sein sollte, haben wir vor wenigen Tagen noch einen Anruf eines Fischers bekommen, er habe ein Nest gefunden. Wieso diese Schildkroete sich so spaet an diesen Strand zum Nesten einfand bleibt uns ein Raetsel. Da das Nest erst wenige Stunden bevor wir dort eintrafen gelegt wurde, konnten wir anhand der noch intakten Spuren der Mutterschildkroete erkennen, dass es sich wieder um die “Olive Ridley” handelt, also die Schildkroetenart, die hier immer nistet. Dadurch bewahrheitete sich unsere erste Vermutung, es koennte sich vielleicht eine andere Meeresschildkroetenart hierher verirrt haben, also nicht. Wie dem auch sei, wir freuen uns, alle noch ein Nest in unserer Obhut zu haben und hoffen, dass es in sieben Wochen erfolgreich schluepft.



Auch im Projekt an sich blieben Ueberraschungen nicht aus, denn Daya, mein Projektleiter und Koordinator, wurde zwangsbeurlaubt. Die Begruendung bleibt mir verschlossen, aber in dieser Organisation herrscht nun mal eine strikte Hierarchie mit einem Alleinherrscher an der Spitze, dem die Organisation gehoert, er hat die Finanzen, er macht die Regeln, wer nicht kuscht, fliegt. Dies ist leider auch keine ueberspitzte Darstellung, und so musste Daya, da er nach einer 60 Stunden Woche nicht noch am Wochenende alle Berichte schreiben wollte, gehen. Im Projekt hinterlaesst er eine grosse Luecke und wir muessen sehen, wie wir das Projekt ohne ihn vernuenftig zu Ende bringen.
Nach diesen ersten sechs Monaten hier in Indien, in denen ich nicht nur ein richtiger Teil meiner Gastfamilie geworden bin, mit all den Vor- und Nachteilen, die dies mit sich zieht, sondern sich auch ein gewisser Alltagsrhythmus eingestellt hat, freue ich mich nun darauf eine Pause von all dem zu haben, fuer ein paar Wochen hier raus zu kommen, raus aus Kundapur und dem Projekt, und damit die Chance zu haben, neue Dinge zu sehen, zu erleben, andere Menschen zu treffen und vor allem auch den Norden Indiens zu entdecken.



Zum Abschluss noch eine kleine Anekdote aus dem Hause D'Souza, meine Gastfamilie: Stephie und ich sassen eines Morgens noch halbverschlafen am Fruehstueckstisch, nichts ahnend von wem wir gleich begruesst werden wuerden, als ploetzlich mein breit grinsernder Gastvater Stanly mit einem Hahn auf den Armen hereinkam und diesen auf den Tisch setzte. Das Tier tat auch sogleich das charakteristische “Kikiriki” kund, wir hingegen waren ein wenig geschockt. Zum Essen heute Abend? Nein, natuerlich nicht. Dies ist unser neuer Kampfhahn!



Ehrlich gesagt fiel mir spontan nur ein Wort ein ... “Tierquaelerei”, aber gut, das ist ein anderes Land, andere Kultur, ich bin ja tolerant, unvoreingenommen (versuche es zumindest), erst mal gucken, wie es weitergeht.
Am folgenden Abend war der Hahn auch nicht mehr draussen am Pfahl angemacht, ich ueberlegte schon, vielleicht einen Witz zu machen, ob es den Hahn nun doch schon zum Essen geben wuerde, aber dies blieb mir dann in der Kehle stecken, als ich in die Kueche tretend aus dem Kochtopf zwei Huehnerfuesse heraus ragen sah. Unser Hahn? Nein, ... das ist der Hahn, den unser Hahn heute getoetet hat!
In einem Zeitungsartikel ein paar Tage spaeter las ich, dass Hahnenkaempfe unter dem “Praevention von Tierquaelerei” Gesetz von 1960 verboten sind, aber wie so oft hat Indien zwar einen der besten Gesetzestexte, nicht nur was Tierrechte angeht, sondern auch Gleichberechtigung von Frauen, Kinderrechte etc., nur die Umsetzung in die Realitaet sieht leider ganz anders aus. Der Zeitungsartikel erzaehlt dann weiter: “Die Haehne werden eine Woche vor dem Kampf im Dunkeln gehalten, um sie zu provozieren. Ausserdem muessen sie entsprechendes Futter und Medizin bekommen [bedeutet: sie werden mit Hormonen vollgepumpt]. Am Tag des Spieles werden sie hungrig gehalten, damit sie noch wuetender werden. Dann bekommen sie Rasierklingen an die Fuesse gebunden und Chilli in die Kloake.”
Ein guter Kampfhahn kann 5000 Rupees wert sein, dies entspricht dem Monatsgehalt einer Lehrerin auf dem Lande. Trotz des Verbotes sind diese Kaempfe sehr beliebt, werden wie in diesem Zeitungsartikel als indische Tradition angepriesen, auch wenn mir meine Gastmutter erzaehlte, dass Stanly nicht hinsehen kann, wenn sein eigener Hahn kaempft, weil es so blutig sei. Fuer weibliche Beobachter sind diese Kaempfe absolut tabu, aber ein Freiwilliger, der mal zuschaute, erzaehlte uns, dass eine richtige Festivalstimmung vorherrscht, die Maenner sind alle betrunken, wetten grosse Geldsummen und die Kaempfe seien richtig grausam. Der Gewinner bekommt als Preis den toten Hahn. Bis jetzt lebt unser Hahn noch!




                                                                 19. Januar 2010

Quer durch Indien

Die letzten Tage und Wochen fuehrten mich zu verschiedenen Orten Indiens, Orte voll neuer Menschen, neuen Begegnungen, neuen Eindruecken. Nachdem ich Weihnachten im kleinen, mittlerweile so vertrautem Kundapur bei meiner Gastfamilie verbrachte mit Plastikweihnachtsbaumschmuecken, Krippeselberbasteln und drei-stuendiger Mitternachtsmesse, fuehrte mich mein Weg dank einwoechiger Weihnachtsferien nach Kerala, dem Bundesstaat suedlich von Karnataka durch typische Touristenorte, in denen das Verlangen nach athmosphaerischen Cafes, gruenem Tee, Pasta, … gestillt werden konnte, wir sogen quasi alles “unindische” in uns auf, gingen in Museen, Tempel, Kirchen, Kunstgallerien, zum Strand, Flussfahrt.



Trotzdem spuerte ich in dieser Woche aber auch zum erten Mal, wie sehr ich mich schon an vieles in Indien gewoehnt habe, wie vertraut mir das Verhalten von den Menschen hier schon erscheint. Im Endeffekt hat mich das Reisen im Zug, auf vorbeifliegende Reisfelder blickend, die Gedanken einfach frei wandern lassen, viel gluecklicher gemacht, als das Stueck Schokokuchen (auch wenn es echt lecker war). So richtig bewusst wurde mir dies, als ich am letzten Tag des alten Jahres in Kanyakumari, der suedlichsten Spitze Indiens, in Ruhe die romantische Stimmung des Sonnenunterganges geniessen wollte, mich aber ueberraschend in mitten von 600 Indern, alle in die gleiche Richtung starrend, auf Steinen oder im Sand sitzend, wiederfand. Um mich herum sprangen Kinder, ich musste zum 200. Mal auf dieser Reise die Frage beantworten “Where are you from?” und Menschen schoben “Chai! Chai! Chai!” rufend ihr Fahrrad mit dem Teekessel durch die Menschenmengen. Die Szene hatte so etwas Vertrautes, etwas Vorraussehbares, beinahe etwas Heimisch anmutendes. So ueberraschte es mich dann auch nicht mehr als ich am naechsten Morgen um halb sechs auf die Strasse trat, voller Menschen, alle wie ich zum Meer laufend, um den ersten Sonnenaufgang des neuen Jahres zu beobachten. Dieser Urlaub war die ersehnte Auszeit vom Alltag, die Moeglichkeit Abstand zu gewinnen, anderes zu sehen, zu erleben, anders zu sein.



Doch wie so oft bei solchen Hochgefuehlen, folgt frueher oder spaeter der Daempfer, bei mir schon nach einer Woche, als ich mich schon wieder im Zug befand, diesmal mit Orissa als Ziel und nicht in Ruhe aus dem Fenster blickend, sondern stehend oder am Boden sitzend zwischen Menschen gequetscht (unuebertrieben befanden sich auf sieben Quadratmetern Raum ueber 25 Menschen und sechs weitere auf der Gepaeckablage). Das Herunterzaehlen der 23 stuendigen Fahrt half nicht ueber die komplette Bewegungslosigkeit hinweg, es war einfach zu viel, zu viele Menschen, zu viele mich anstarrende Blicke, zu viel Enge und so war die Erleichterung entsprechend gross als ich nach 45 stuendiger Reise (vor dem Zug verbrachte ich schon 19 Stunden im Bus) eine halbe Stunde vor dem Beginn des Workshops muede, dreckig und entnervt im Hotel ankam.
Doch der Grund dieser Reise war die Anstrengung definitiv wert, denn dieses Treffen von Meeresschildkroetenschutzorganisationen aus ganz Indien war sehr anregend und motivierend, es war interessant sich ueber Probleme und Loesungsmoeglichkeiten auszutauschen, Fragen zu klaeren und eine staerkere Zusammenarbeit zu initiieren, um einheitlich Daten zu sammeln und auch gemeinsam Druck auf zustaendige Regierungsabteilungen ausueben zu koennen, was das Einhalten von Naturschutzbestimmungen etc. angeht. Besonders spannend und gleichzeitig schockierend, war es auch zu erfahren mit welchen Problemen die Organisationen an der Ostkueste zu kaempfen haben, denn Orissa ist zwar bekannt dafuer, dass fuer kurze Zeit pro Nacht tausende von Meeresschildkroeten an den Straenden nesten, aber auch dafuer, dass durch die Hochseefischerei tausende tote Tiere an den Strand gespuelt werden. So zeigte uns ein Mensch Fotos, die den Strand wie einen Friedhof erschienen liesen, als innerhalb von drei Tagen 10.000 tote Meeresschildkroeten gezaehlt wurden. Als ich zwei Tage spaeter eine kleine Organisation besuchte, die dort arbeitet, sah auch ich zum ersten Mal ein solches Tier tot am Strand liegen.



Das zustaendige Ministerium versucht die Todeszahlen zu verheimlichen, in dem es Naturschutzorganisationen die zum Arbeiten erforderlichen Erlaubnisse nicht ausstellt und die Kadavar in Massengraebern versteckt. Auch wenn Schuldige scheinbar schnell ausgemacht werden koennen, sind Loesungen rar, denn als vor wenigen Jahren die Fischereibestimmungen drastisch verschaerft wurden, so dass die Kleinfischer von den 240 Tagen, die sie im Jahr normalerweise fischen 210 Tage nicht mehr fischen durften, weil in diesen Tagen Meeresschildkroeten sich paaren, nesten, schluepfen oder migrieren, waren ploetzlich 30.000 Fischer arbeitslos und blieben auf den Schulden, die sie fuer die Investition in ihre Boote aufgenommen hatten, sitzen. Wie mir eine Frau erzaehlte, deren Organisation sich v.a. mit Arbeitsrechten beschaeftigt, gab es dann die ersten Berichte von Suiziden, da die Fischer keinen Ausweg mehr aus der Schuldenfalle sahen, denn Orissa ist eines der aermsten Bundesstaaten Indiens, der nach jeder Duerre einen extremen Anstieg der Selbstmordrate unter den Bauern sieht. Deswegen drehte sich die Diskussion im Workshop auch um das Thema alternative Einkommensmoeglichkeiten fuer die Fischer. Die Green Life Rural Association, die ich wie bereits erwaehnt im Anschluss besuchte, ermutigt die Fischer zusaetzlich Huehner zu zuechten oder Obst und Kraeuter an zu bauen. So war der Aufenthalt in Orissa sehr horizonterweiternd, hat mir viel zum Nachdenken gegeben, mir sehr eindruecklich vor Augen gefuehrt wie komplex die Umweltschutzproblematik ist.



Die Zugfahrt zurueck war dann auch tausend mal angenehmer, innerhalb von 37 Stunden durchquerte ich vier Bundesstaaten, fuhr von der Ost- zur Westkueste, ein mal quer durch Indien, ausserhalb des Zuges aenderte sich die Sprache auf den Anzeigetafeln mehrmals, aenderte sich die Landschaft von ausgetrockneten Reisfeldern zu in voller Bluete stehenden Sonnenblumenfeldern, es ging quer durch die Western Ghats, eines der Artenvielfalts-Hotspots der Welt (sehr oekologisch, dass da eine Eisenbahnstrecke durchfuehrt) und auch vorbei an einem 600 Meter hohem Wasserfall mit tollem Blick auf die herabfallenden Wassermassen. Diesmal hatte ich auch einen reservierten Sitzplatz, den ich mir zwar mit einem anderen Mann teilen musste, aber das war voellig unproblematisch, zudem war das Zugabteil voller buddhistischer Moenche, so dass die Athmosphaere echt angenehm war, kein permantes Anstarren, keine Anmanchen, keine Angst beklaut zu werden und das Beste war, dass sie mir fuer die Nacht einfach so eines ihrer Liegeplaetze angeboten haben, so dass ich auch ein paar Stunden schlafen konnte.



                                                                  4. Dezember 2009

Erster Zwischenbericht

Hier nun endlich mein erster Zwischenbericht, denn die ersten drei Monate meines Indienaufenthaltes sind schon vorbei. Es ist so wahnsinnig viel in dieser Zeit passiert, dass es mir unmoeglich ist all die Eindruecke und Erlebnisse in Worte zu fassen und deswegen habe ich erst mal nur ueber meine Arbeit geschrieben und hoffe in der naechsten Zeit auch noch mehr ueber mein Leben drum herum erzaehlen zu koennen.
Wenn ich zurueck blicke auf die letzten Tage und Wochen vor meiner Abreise in Deutschland, wird mir bewusst, dass doch vieles anders kam, als ich es erwartete, im Positiven wie im Negativen.
Die Arbeit im Projekt macht sehr viel Spass, doch wir werden oft mit Problemen konfrontiert, die ich vorher nicht erwartet haette.
Aber zunaechst erst einmal mehr zu meinen Aufgaben im Projekt. Die Arbeit teilt sich in drei Bereiche auf: Schutz der Meeresschildkroeten und deren Eier, ein Bewusstsein fuer deren Bedrohung schaffen und Daten ueber die Schildkroeten und die Bedingungen fuer sie an den verschiedenen Strandabschnitten sammeln und analysieren. Fuer ersteres bauen wir Nestplaetze am Strand. Dies sind temporaere Bambuskonstruktionen, die einen ca. 2 x 4m grossen Bereich einzaeunen und mit einem duennmaschigen Netz umwickelt, die Nester, die wir dort hinein umsetzen, vor Menschen und anderen Raeubern schuetzen. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir sieben Nester und die Nestsaison hier in Karnataka neigt sich auch langsam dem Ende zu. Dies sind zwar mehr Nester als in der letzten Saison aber relativ wenig fuer einen 60 km langen Strand. Dies bedeutet allerdings nicht, dass nur so wenige Meeresschildkroeten hier nisten, denn wir bekommen nur einen Bruchteil der Nester, da wir den Strand aufgrund der enormen Laenge nicht selber kontrollieren koennen und darauf angewiesen sind, dass am Strand lebende Menschen uns ueber Nester informieren. Nester auf diese Art und Weise zu schuetzen hat durchaus Nachteile.

Zum Einen werden all die anderen Schildkroeteneier sich selbst ueberlassen und haben dadurch eine viel geringere Chance erfolgreich zu schluepfen, denn wenn sie von Menschen gefunden werden landen die Eier oft auf em Mittagstisch oder sie werden von den am Strand lebenden Hunden aufgespuert. Bis auf eines mussten wir auch alle Nester umsetzen, weil sie uns entweder sowieso schon in einer Plastiktuete gebracht wurden oder die Nachricht eines neuen Nestes sich schon so sehr verbreitet hat, dass es zu gefaehrlich waere das Nest dort zu belassen. Durch das Umsetzen verringert sich aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Eier schluepfen, weil sie sehr empfindlich gegenueber Temperaturaenderung und Bewegung sind. Ausserdem ergibt sich die Problematik, wie wir die Menschen dazu ueberzeugen, uns die Eier zu geben, denn wenn sie sie (illegal) im Dorf verkaufen, bekommen sie ueber 500 Rupien. Das reicht fuer ungefaehr zehn gute Mahlzeiten, was fuer die Fischer, die dank des leergefischten Meeres Schwierigkeiten haben ihre Familie zu ernaehren, sehr viel Geld ist. Deswegen wurde im Projekt vor mehreren Jahren eingefuehrt Geld zu bezahlen, wenn wir ein Nest bekommen. Mit dem stetigen Rueckgang der Meeresschildkroetenpopulation und einen damikt einhergehenden steigenden “Preis” fuer die Eier ist dies nicht nachhaltig und des Weiteren verkommen die Eier zu einer kaufbaren Ware und werden nicht als schuetzenswerte Wesen angesehen.
Als ob dies noch nicht genug waere, kamen dieses Jahr auch noch die denkbar schlechtesten Wetterbedingungen hinzu. Die ersten Nester wurden ungewoehnlicher Weise schon waehrend der Monsunzeit gelegt, also bereits Anfang September statt Mitte Oktober. Zusaetzlich gab es ausserwoehnlich spaet noch tagelange Regenguesse, so dass viel Suesswasser in die Nester gelangen konnte. Ausserdem traf dann Anfang November ein tropischer Sturm an der Kueste ein, wodurch der gesamte Strand und damit auch die Nestplaetze komplett ueberflutet wurden. Salzwasser ist wiederum auch nicht gut fuer die Eier. So kam es also, dass das erste Nest nicht schluepfte und auch bei einem weiteren Nest war die Schluepflingsrate mit ca. 25% sehr niedrig. Beim Oeffnen der ungeschluepften Eier stellten wir fest, dass relativ viele Eier einen toten Embryo in einem sehr fruehen Entwicklungsstadium enthielten, was darauf hindeutet, dass durch das Eindringen von Wasser unterschiedlicher Salzkonzentration die Entwicklung frueh abgebrochen wurde.
Aber zwei weitere Nester sind erfolgreich geschluepft mit einem ca. 80% Schluepferfolg und wir warten gespannt auf das Schluepfen der weiteren Nester.
Ausserdem gehoert zu unserer Aufgabe uns um verletzte Meeresschildkroeten zu kuemmern. Und so erreichte uns vor drei Wochen zum ersten Mal der Anruf eines Fischers, der eine verletzte Meeresschildkroete im Netz hatte und sie zum Strand bringen wuerde. Als wir dort eintrafen waren wir zunaechst alle von der Groesse der Schildkroete beeindruckt und es stellte sich heraus, dass es sich um eine "Green Turtle" handelt, die an der Kueste Karnatakas weitaus seltener ist als die "Olive Ridley", die viel haeufiger die Straende hier zur Eiablage aufsucht. Die Wunden der Schildkroete waren jedoch nur klein und nicht tief und sie machte einen sehr aktiven Eindruck. Da sowohl der Transport zum Wassertank als auch das Leben darin und die damit einhergehende fehlende Bewegungsfreiheit fuer die Meeresschildkroete sehr viel Stress bedeutet haette, entschieden wir uns dazu sie wieder ins Meer zurueck zu bringen, was bei einem ueber 100 kg schweren Tier leichter gesagt als getan ist.

Einen weiteren sehr grossen Teil unseres Projektes macht die Bildungsarbeit aus. Dafuer bauen wir zusammen mit anderen internationalen Freiwilligen, die jeden Monat fuer zwei Wochen zum Meeresschildkroeten-Workcamp kommen, "Schildkroeten Informationscenter". Dies sind kleine offene Huetten aus Bambus und getrockneten Palmenblaettern, die wir fuer drei bis vier Monate am Strand errichten mit Postern ueber die Schildkroeten, warum sie vom Aussterben bedroht sind und wie sie geschuetzt werden koennen. Des Weiteren fuehren wir eine Puppenshow ueber Meeresschildkroeten vor Schulklassen sowie am Strand auf und gehen auch in Haefen, um Flyer zu verteilen, ueber die richtige Handhabung von Schildkroeten, die sich in Fischernetzen verfangen haben.
Eines der spannensden Aktivitaeten der letzten Monate war auch der sogenannte "Beach Walk". Dafuer sind wir zwei bis drei mal die Woche am Strand von Haus zu Haus gegangen, um mit den Menschen ueber ihre Einstellung zu Meeresschildkroeten zu reden und heraus zu finden, wie die Bedingungen dort fuer nistende Tiere sind. Dadurch haben wir auch einen viel besseren Eindruck von den Lebensbedingungen der Menschen bekommen.
In den naechsten Monaten werden wir uns dann staerker der Beifang Problematik widmen, denn die meisten Meeresschildkroeten sterben in den Netzen der Hochseefischerei. Wir hoffen, den Fischergewerkschaften der umliegenden Haefen das sogenannte “Turtle Excluder Device” vorstellen zu koennen. Dies ist ein Bauteil, dass in die Netze eingesetzt werden kann und es ermoeglicht grossen Meerestieren unbeschadet zu entkommen.
So viel also vom "Land wo der Pfeffer waechst", leider ganz weit weg vom weihnachtlichen Deutschland. Deswegen wuensche ich euch allen eine ganz tolle Adventszeit!!

 


                                                                   4. November 2009

Es war Samstag morgen um halb acht und ich war gerade dabei nach dem morgendlichen Yoga-Unterricht noch mal kurz ins Bett zu gehen, als mein Koordinator anrief, um mir zu sagen, dass ich sofort nach Kirimanjeshwara (ein Dorf, das eine Busstunde noerdlich von Kundapur liegt) fahren muss, denn es gaebe dort ein neues Nest.
Auch wenn diese Nachricht von unserem siebten Nest zeitlich unpassend kam war die Freude sehr gross, denn unsere Kontakperson hatte das Nest selber noch nicht geoeffnet und somit hatten wir unser erstes unberuehrtes Nest. Dies bedeutet, dass der Schluepflingserfolg relativ hoch liegen sollte. Ich habe also nur geschaut, ob die Meeresschildkroete auch wirklich Eier gelegt hat und dann das Nest wieder zu gemacht, um die Eier so wenig wie moeglich negativen Einfluessen auszusetzen. Das hatte allerdings den Nachteil, dass unsere Kontaktperson mir dann nicht glauben wollte, dass sich nicht mehr als 120 Eier in dem Nest befinden und nicht 200 oder 300 oder sogar 400, was er mir erklaeren wollte. Dies fuehrte bei der “Bezahlung” zwei Tage spaeter dann noch zu vielen Diskussionen und Frustationen auf beiden Seiten. Meine anfaengliche Begeisterung darueber, dass er sich daran gehalten hatte, was wir ihm bezueglich der Handhabung eines neuen Nestes bei dem Kontaktpersontreffen im Oktober erklaert hatten, wurde dadurch auch ein wenig unsanft gedaempft.
Nach diesem aber trotzdem guten Tag fuer unsere Projektarbeit folgte jedoch all zu schnell ein schlechter, denn unser erstes Nest ist nicht geschluepft, sondern die Eier sind wahrscheinlich durch die starken Regenfaelle beschaedigt worden. So machte sich dann Enttaeuschung breit, denn wir hatten uns alle sehr darauf gefreut endlich die ersten Schluepflinge zum Meer begleiten zu koennen und ausserdem hatte der Mensch, der auf den Nestplatz eigentlich nur aufpassen sollte, die Eier ohne unser Wissen und ohne uns im Nachhinein Bescheid zu sagen, die Eier aus dem Nest rausgeholt und sie aufgemacht. So sahen wir dann nur die Ueberreste von Eierschalen mit vertrockneten Embryonen drin. Nun bleibt vor allem der Zweifel, ob ein Teil der Eier vielleicht spaeter doch noch geschluepft waere, haette der Mensch sie nicht einfach geoeffnet.
In diesen beiden geschilderten Situationen spiegelt sich einer unserer Hauptkonflikte wider: wir sind einfach so stark abhaengig von der Hilfe von Kontaktpersonen, da der Strand viel zu gross ist, als dass wir ihn auch nur ansatzweise selber kontrollieren koennten. Sie arbeiten aber eigentlich eher wegen der Aussicht auf ein zusaetzliches Einkommen mit uns zusammen, aber nicht weil sie wirklich am Schutz der Meeresschildkroeten interessiert sind.
Zu einer weiteren interessanten Erfahrung gehoerte zweifellos das Treffen mit dem Chef des Forstministeriums in Mangalore, einer der groessten Staedte Karnatakas. Der gute Mann hatte von hoeherer Stelle den Auftrag bekommen, etwas fuer den Schutz der Meeresschildkroeten am Strand von Mangalore zu machen. Dieser gab bei unserem Gespraech aber gleich zu verstehen, dass er sich mit diesen Tieren ueberhaupt gar nicht auskennt und eher mit anderen Bereichen des Forstministeriums beschaeftigt ist. So bekamen wir nun also den Auftrag eine Art Kostenvoranschlag zu machen, um Geld vom Land zu beantragen. Mich ueberraschte da schon, dass die Hoehe der Geldmenge anscheinend keine Rolle zu spielen schien, da der Mann vorschlug wir koennten Monumente bauen, Feste veranstalten oder, so wie er es ein paar Wochen vorher gemacht hatte, den Fischern eines Dorfes Reiskocher schenken. Was dies mit Meeresschildkroetenschutz zu tun hat, ist mir bis heute nicht verstaendlich geworden und auch die Frage, wer dann in Mangalore die Arbeit macht und welche Massnahmen an einem stark besiedelten Strand uberhaupt Sinn machen wuerden, ganz zu schweigen davon, ob es da ueberhaupt eine signifikante Anzahl an nistenden Meeresschildkroeten gibt, blieb unbeantwortet. Es ging einzig darum Geld zu beantragen, und zwar viel Geld. Daya und ich taten dies dann auch eine Woche spaeter in einer kurzfristigen 20-Minuten-E-mail-Schreibaktion und bekamen eine halbe Stunde spaeter einen ueberraschten Anruf aus dem Forstministerium, warum wir denn nur 200,000 Rs beantragen (entspricht ca. 3000 Euro, also sehr viel Geld fuer indische Verhaeltnisse). Erst dann erklaerte mir Daya mit einem Laecheln, dass die Oberetage des Ministeriums natuerlich mehr Geld fuer sich behalten kann, wenn wir mehr beantragen. Also werden wir uns die kommenden Tage nochmal hinsetzen und noch mehr Geld beantragen. Naja, ich bin gespannt, was im Endeffekt davon dann fuer den Naturschutz zur Verfuegung stehen wird.



Im Projekt wollen wir in Zukunft staerker in Haefen gehen, um mit den Hochseefischern zu reden, denn die grossen Boote mit ihren riesigen Netzen und langen Fangperioden stellen die groesste Bedrohung fuer Meeresschildkroeten dar, da diese sich in den Netzen verheddern und ertrinken. Als wir letzte Woche mal in einem der Haefen waren, hat uns dann auch ein Fischer ganz stolz auf seinem Handy einen Film gezeigt, auf dem zu sehen war, wie sie ein paar Tage zuvor zwei noch lebende Delphine dort im Hafen mit ihren Messern toeten. Er konnte, glaube ich, nicht verstehen, dass sich meine Begeisterung in Grenzen hielt. Da hat mir doch der Anblick von zwei schwarzen, knopfgrossen Punkten draussen im Meer, die herausspringen und dann aufspritzendes Wasser hinterlassen und als Delphine von Daya identifiziert wurden, viel besser gefallen.
Die Begegnung mit der indischen Fauna ist eh immer sehr spannend: abgesehen von der zwei Meter langen Schlange im Vorgarten unseres Bueros, gibt es dann noch die wildlebenden Pfaue, die vor uns auf dem Weg laufen, eine 20 cm grosse Strandkrabbe, die mich mit ihren schwarzen Stielaugen anstarrte und aufgeregt hin und her lief, Fledermaeuse, die leider all zu oft tot von den Strommasten haengen, die vielen Streifenhoernchen, die zwischen den Palmen- und Bananenblaettern balancieren, viele mir nicht bekannte Vogelarten, der ungewohnte anblick von zahllosen Schmetterlingen in den interessantesten Farbkombinationen, eine Eule, die auf Augenhoehe fuenf Meter von mir entfernt vorbei flog, verschiedenste Affenarten, die mensch nicht nur regelmaessig in den Tempeln trifft sondern auch tief im Wald ploetzlich in den Baeumen herumspringen und natuerlich Kuehe.



Letztere sind ueberall zu finden, es gibt wohl keinen Ort mehr, an dem es mich ueberraschen wuerde einer Kuh ueber den Weg zu laufen, nachdem wir nach einstuendiger Wanderung ueber steile Felsen und entlang eines kleinen Pfades durch den menschenleeren Wald, oben auf dem Gipfel ploetzlich einer Kuh begegneten. Ansonsten stehen sie gerne auf der Bundesstrasse (gut, die Autos fahren hier eh nicht so schnell, denn der Monssun hat riesige Loecher im Beton hinterlassen, so dass meist nicht schneller als 30kmh gefahren werden kann), klauen das Obst von den Strassenstaenden, stoebern im Muell am Strassenrand, was schon zu der ernst gemeinten Frage gefuehrt hat, ob die indische Kuh an sich nicht vielleicht eher ein Allesfresser ist, oder fressen die Blaetter der frisch gepflanzten Straeucher auf dem Mittelstreifen einer viel befahrenen Strasse. Aber Kuehe duerfen das und die Busse bremsen zwar nicht fuer Fahrradfahrer geschweige denn Fussgaenger, aber fuer Kuehe gibte es immer eine Vollbremsung.



Kuehe sind heilig, laufen ueberall oftmals frei herum ohne erkenntlichen Eigentuemer und werden bei hinduistischen Feiern mit Blumengirlanden geschmueckt. Sie sind aber auch Anlass zu manchmal sogar in Gewalt muendenden Auseinendersetzungen zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften. Meine Gastmutter erzaehlte mir, dass auch in Kundapur schon Kuhkoepfe in Hindutempel gelegt wurden und umgekehrt Schweinekoepfe in Moscheen, von Anhaengern der jeweils anderen Religion. Diese ist natuerlich eine der schlimmsten Beleidigungen. Zu oft wird das Verhaeltnis zwischen den Religionen mit dem Wort “Hass” beschrieben, aber auf meine Nachfrage, worin diese Abneigung begruendet ist, gab bis jetzt noch keine Antwort. Und so ist das friedlich erscheinende Bild von Saree tragenden neben in schwarzer Burka verhuellten Frauen auf der Strasse leider kein Spiegelbild fuer die tatsaechlichen Gefuehle zwischen den Religionsgemeinschaften. Aber umso toller ist es dann im Bus statt des obligatorischen rot-gruen leuchtenden Bildes von Ganesha oder Krishna, ein dreigeteiltes Bild mit Jesus, Ganesha und einer Moschee, geschmueckt vom Blumenkranz und natuerlich auch rot und gruen blickend, zu sehen.


                                                            15.Oktober 2009

Da der Wunsch aufkam, hier mal noch mehr Bilder aus Kundapur:
Unser viertes Nest dieser Saison, dass wir selber durch Zufall gefunden haben und so direkt in den benachbarten gesicherten Nestplatz umsetzen konnten.



Das Umsetzen wurde von mehreren Kindern und Frauen beobachtet.


Hier bauen wir so einen gesicherten Nestplatz, indem sich jetzt auch schon zwei Nester befinden.





22. September 2009

Erwarte das Unerwartete

In einer Plastiktüte wurden uns die 103 Schildkröteneier von der Frau eines Fischers übergeben. Wer, wo und vor allem wann das Nest gefunden wurde blieb unklar. Da Meeresschildkröten die Nester im Schutze der Dunkelheit legen, war die 10 Stunden-Grenze sehr wahrscheinlich schon längst überschritten, die Zeitspanne nach dem Legen der Eier, innerhalb derer das Nest noch ohne große Minderung des Schlüpferfolges versetzt werden kann. Danach sind die Eier sehr empfindlich gegenüber Bewegung und auch Temperaturänderung, da letztere zum Beispiel das Geschlecht der Schlüpflinge bestimmt. Uns blieb aber nicht anderes übrig, als die Eier sofort vorsichtig am Strand zu verbuddeln und drum herum einen Holzzaun zu bauen, der jegliche Räuber fern halten soll. Die Eier gelten als Delikatesse, werden früh am morgen von Fischern ausgegraben, wenn sie entweder zufällig die Spuren von Mutterschildkröten entdecken oder direkt danach suchen, und dann an Freunde und Nachbarn verschenkt oder auch verkauft.  Ein Mann am Strand versichert uns, dass junge Menschen die Eier eigentlich nicht mehr essen, aber trotzdem bringt ein Ei mehr als ein Hühnerei und bei ungefähr 100 Eiern pro Nest lohnt das Verkaufen sehr wohl. Das Argument mensch müsse diese Schildkröten vom Aussterben bewahren zählt in einem Land, in dem 80% von weniger als 2$ pro Tag leben müssen, verständlicher Weise wenig. Und so geben auch wir als Anreiz uns zu helfen Geld, wenn uns ein Nest berichtet wird oder wir die Eier in einer Plastiktüte bekommen und somit werden die Eier zu einer Ware, die ge- und verkauft werden kann. Um dem entgegen zu wirken, gehen wir in Schulen, gehen zusammen mit College Studenten am Strand entlang, um Fischer zu befragen, ob sie Schildkröten gesehen haben und was mit ihnen geschehen ist, und verteilen Flyer, um Aufklärungsarbeit zu leisten.




Die Projektarbeit ist aber wahnsinnig interessant, wir haben zum Beispiel auch die Chance zu sehen, wie die Menschen hier leben und sie bringen uns immer eine beeindruckende Gastfreundlichkeit entgegen, laden uns zum Chai ein oder klettern extra eine Palme hoch, um Kokosnüsse zu pflücken, damit wir diese gemeinsam trinken können. Die anderen Freiwilligen mit denen ich zusammen arbeite sind sehr nett und engagiert, so dass eine angenehme, produktive Arbeitsatmosphäre herrscht.

Am Wochenende bin ich zusammen mit einigen Freiwilligen zu den Jog Falls gefahren, den größten Wasserfällen Asiens, die nicht so wirklich durch ihre Größe beeindruckten, da der Flusslauf durch einen Staudamm erheblich dezimiert ist, aber dafür durch die Höhe und vor allem die sie umgebende Natur. So sind wir dann die 1330 Stufen ohne Geländer (auch ohne Mülleimer, so dass der ganze Müll überall verstreut rum lag) hinunter gelaufen und wurden dafür aber belohnt, als wir unten auf den Steinen saßen und hoch sehen konnten, wie das Wasser hinunter fällt. Mehrere Affen sprangen auf den Felsen herum und hatten gelernt wie sie geschickt Futter von den Touristen erbetteln oder einfach stehlen können.  Die Fahrt hin und zurück zu diesem Ort stand dann hingegen doch eher unter dem Motto, das uns bei der Vorbereitungswoche ans Herz gelegt wurde, wenn es um das Leben in Indien geht: „Expect the unexpected“ („Erwarte das Unerwartete“). Die Busfahrt führte uns auf engen Serpentinenstraßen hoch in die Berge durch dichten Wald, mit beeindruckender Pflanzenvielfalt, die noch immer in ihrem ursprünglichen Zustand zu sein schien. Zwischen Lücken im Baumdickicht konnten wir immer mal wieder tief den Abhang hinab schauen und die benachbarten Berggipfle sehen, die noch sanft in Nebel gehüllt waren. Atemraubend! Der Atem stockte uns auch, als wir auf der Rückfahrt in einer kleinen Bergstadt erfuhren, dass unser Bus erst drei Stunden später fahren wird und wir somit dort fetssaßen. Dafür war die Rückfahrt in der Dunkelheit bei leichtem Regen und dickem Nebel durchaus spannend, als wir auf der letzten Sitzreihe bei den vielen Löchern in der Straße hoch geschleudert wurden und beim Entgegenkommen eines anderen Busses gefährlich nahe am Abhang standen.






5. September 2009


Angekommen

Nun bin ich also hier in Kundapur angekommen und mir geht es gut, sehr gut sogar. Nach einem schwierigen Abschied und insgesamt zwoelf Stunden Flug bin ich erstaunlich ruhig und wahnsinnig gespannt in der Frueh in Bangalore gelandet. Unser Aufenthalt war nur kurz und die anschliessende Busfahrt von 16 Stunden fuer 450 km nach Kundapur war dank Monsun und dem daraus resultierenden schlechten Zustand der Strassen sehr holprig, aber durchaus spannend, vor allem in den Augenblicken, in denen der Bus so stark schwankte und beinahe umzukippen schien. Hier angekommen sind wir sofort in die Gastfamilien gekommen und entgegen aller Befuerchtungen hatte ich unglaubliches Glueck, denn die Familie ist echt toll, da sie von Anfang an mich komplett integriert, also auch inklusive Aufteilen der Arbeiten im Haus, und sind sehr ehrlich und direkt, was die Erwartungen an mich angehen. Und da alle hier Wohnenden, bis auf die Grossmutter, Englisch sprechen, steht der Kommunikation nichts im Weg. Ich teile mir das Zimmer mit einer anderen deutschen Freiwilligen, die hier in einer Schule fuer Behinderte arbeitet, und total lieb und hilfsbereit ist. Die Eingewoehnung faellt mir also nicht schwer. Obwohl sich die Monsunzeit theoretisch dem Ende neigt, regnet es ungewoehnlich viel, so dass immer und ueber all alles feucht ist, Sachen nicht trocknen und auch meine buecher bereits wellig sind, aber dafuer ist die Natur gerade wunderschoen gruen.

 

31. August 2009

Die Reise beginnt

Nun ist der Tag, auf den ich mich schon seit mehreren Monaten vorbereitet habe, doch viel schneller herangerückt als erwartet. Während das Visum nun endlich mit den restlichen Reiseunterlagen im Handgepäck liegt und der große Rucksack reisefertig in der Zimmerecke steht, heißt es endgültig Abschied nehmen von all den lieben Menschen hier, die mich in den letzten Wochen und Monaten so intensiv unterstützt haben. Ich bin sehr dankbar für die vielen wundervollen Gespräche und Nachrichten, den neugierigen und sorgenvollen Fragen und natürlich möchte ich mich besonders bei all denen bedanken, die Teil des FörderInnenkreises geworden sind, denn ohne euch wäre dieser Freiwilligendienst nicht möglich gewesen.

So schwer mir der Abschied auch fällt, habe ich doch das Gefühl loslassen zu können und spüre eine Art freudig gespannte Leere in mir, die darauf wartet mit neuen Erlebnissen gefüllt zu werden. So blicke ich nun voller Neugier den kommenden Tagen und Wochen entgegen, bin sehr gespannt darauf, was mich erwarten wird, voller Vorfreude auf die Arbeit im Schildkrötenprojekt, die Gastfamilie, die anderen Freiwilligen,...


 

19. April 2009


Nun ist auch schon das zweite Vorbereitungsseminar vorbei und obwohl sich mir im voraus die Frage stellte, inwiefern ich dort überhaupt noch Neues erfahren würde, da das erste Seminar bereist so informativ war, kann ich rückblickend sagen, dass ich selten so intensiv Zeit mit solch wunderbaren Menschen verbracht habe. Es war viel mehr als nur ein passives Aufnehmen von Informationen, sondern gekennzeichnet durch anregende und wahnsinnig interessante Gespräche, ob auf der Wiese liegend, während Diskussionen nach Vorträgen oder abends am Lagerfeuer. Ich fand dieses Seminar vor allem deswegen so bereichernd, weil es mir Lösungswege aufzeigte für all die möglichen Probleme, die beim ersten Seminar angesprochen wurden.

Fernab von Unistress haben wir über Religion und Kultur in Indien geredet, über das Für und Wider von NGOs gesprochen, über Globalisierung und dessen Auswirkungen zum Beispiel auf Frauen diskutiert, … Ich habe aber auch zum ersten mal nach indischem Vorbild mit Fingern gegessen.

Als Sádhaná dann am letzten Nachmittag zusammen mit uns ein Mantra gesungen hat und wir anschließend einen Brief an uns selbst schreiben sollten, bewegte sich so viel in mir und während ich anfangs noch vor allem Angst davor hatte mich sehr bald von meinem Leben hier in Deutschland und, viel schmerzhafter noch, den mir so wichtigen Menschen trennen zu müssen, überwog schließlich die Vorfreude auf all die guten wie schlechten Erfahrungen, die ich in Indien machen werde.    Bei der Verabschiedung als wir uns allen in den Armen lagen, ist mir bewusst geworden wie stark wir doch als Gemeinschaft zusammen gewachsen sind und wie kostbar es ist, die Chance zu haben so intensiv Zeit miteinander zu verbringen und statt nur nebeneinander her zu leben, einander etwas persönliches von sich zu geben.

2. März 2009


Erstes Vorbereitungsseminar in Hemeln

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch saß ich im Zug, der mich immer weiter von Göttingen weg trug und damit auch weg von Laborarbeit, Protokollschreiben und Literatursuche. Doch wo er mich hin bringt wusste ich nicht. Statt dessen wuselte ein Haufen von Fragen in meinem Kopf herum, wie die nun folgenden Tage wohl verlaufen werden, welche Themen im Mittelpunkt des Seminars stehen könnten, ob meine Fragen bezüglich des Freiwilligendienstes Antworten finden und wie die anderen Teilnehmer sein würden. Doch zu meiner eigenen Überraschung erfüllten sich meine Befürchtungen von einem oberflächigen Zusammentreffen nicht, denn das Seminar wurde zu einem Ort intensiven Zusammenseins. Vor allem mit den zwanzig anderen mit mir nach Asien oder Lateinamerika Gehenden, entstand ein ehrlicher Austausch und es wirkte befreiend mit ihnen sowohl Freude über den bevorstehenden Auslandsaufenthalt, als auch die damit verbundenen Ängste zu teilen.

Was dieses Seminar jedoch ebenso so überraschend erfüllend machte waren v.a. die fünf Seminarleiter, die alle selbst schon einmal in einem Projekt für längere Zeit in Indien, Vietnam oder Mexiko gearbeitet haben und uns an ihren Erfahrungen Teil haben ließen und somit wertvolle Tipps für die notwendige Vorbereitung geben konnten. In dieser offenen Atmosphäre stellten wir unsere Motivation und Erwartungen dar; beleuchteten kritisch das Weltwärts-Programm; diskutierten über Tourismus, was es bedeutet, als Deutscher in einem Entwicklungsland wahrgenommen zu werden und machten uns mögliche kulturbedingte Missverständnisse bewusst.

 

Doch damit nicht genug, denn des Weiteren waren auch Repräsentanten der Partnerorganisationen da und dadurch ergab sich die wundervolle Chance aus erster Hand über die anstehende Arbeit in unseren Projekten zu erfahren und haufenweise Fragen zu stellen über die Unterkunft, den Ort Condapoor und was uns sonst noch so auf dem Herzen lag. All dies führte dazu, dass das Seminar in mir sehr viel bewegte, da nun nicht nur meine Vorstellung über das Kommende viel konkreter und sehr real wurden sondern dadurch auch die damit verbundenen Ängste andere Formen annahmen.